Das Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli bietet mit seinen drei Orgeln einen faszinierenden neuen Raum für vielfältige musikalische Projekte. Werkzyklen verschiedener Komponisten vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart gestatten einen Einblick in die zahlreichen Facetten der Orgelmusik und lassen darüber hinaus Entwicklungslinien im Schaffen der jeweiligen Komponisten erlebbar werden.

Die Große Orgel im Paulinum, Foto: Swen Reichhold

Die Projekte im Einzelnen

Die Leipziger Universitätsmusik widmet dem berühmtesten musikalischen Bürger ihrer Stadt – Johann Sebastian Bach, der neben seinem Amt als Thomaskantor auch director musices war, regelmäßig in der Universitätskirche St. Pauli wirkte und bereits 1717 von Köthen aus die Scheibe-Orgel der Universität geprüft hatte – einen umfangreichen Konzertzyklus. In 21 Konzerten werden das gesamte Orgelwerk Bachs  sowie ausgewählte Clavierwerke von Universitätsorganist Daniel Beilschmidt an den Orgeln der Universität Leipzig aufgeführt. Der Zyklus wird sich über mehrere Jahre erstrecken und voraussichtlich2025 seinen Abschluss finden.

In die Veranstaltungsreihe fallen wichtige Jubiläen aus Bachs Leben und seinem Schaffen für Tasteninstrumente, so zum Beispiel 2022 der 300. Jahrestag der Veröffentlichung des 1. Bandes des Wohltemperierten Claviers, 2023 der 300. Jahrestag seines Amtsantritts als Thomaskantor in Leipzig, das 275-jährige Jubiläum der Veröffentlichung seiner Schübler-Choräle und natürlich 2025 sein 275. Todestag.

Der Zyklus versteht Bachs vielgerühmte Kunst als Tastenspieler nicht ausschließlich auf sein umfangreiches, genuines Orgelwerk bezogen. Vielmehr verbirgt sich hinter dem seinerzeit als „Clavier“ bezeichneten Begriff die ganze Gruppe der Tasteninstrumente der damaligen Zeit: Cembalo, Clavichord, Orgelpositiv, große Orgel und Hammerklavier. Insofern werden auch einige der großen Clavierzyklen wie die Claviertoccaten, die beiden Bände des Wohltemperierten Claviers, die Inventionen und Sinfonien, die Partiten und die Goldbergvariationen, aber auch eine Reihe von hybriden Clavierwerken auf der Orgel zu erleben sein. Neben den rein instrumentalen Programmen werden die Konzerte der Choralzyklen mit gesungenen Choralsätzen durch ein Vokalensemble ergänzt.

 

Die nächsten Konzerte

Konzertmitschnitte

Universitätsorganist Daniel Beilschmidt trat in der Vergangenheit bereits häufig mit Orgelwerken Olivier Messiaens in Erscheinung. Seine Debüt-CD aus dem Jahre 2013 ist eine Aufnahme von Messiaens Orgelzyklus „Méditations sur le Mystère de la Sainte Trinité“ an der Orgel der Église de la Sainte-Trinité in Paris, an der Messiaen über 60 Jahre als Organist wirkte. 

Im Messiaen-Jahr 2022, aus Anlass des 30. Todestages des Komponisten, führt Beilschmidt das gesamte Orgelwerk des französischen Komponisten in acht Konzerten im Paulinum - Aula und Universitätskirche St. Pauli auf.

Der tiefgläubige Katholik Messiaen gehört zu den bedeutendsten Komponisten geistlicher Musik und kann in einem Atemzug mit Machaut, Josquin, Monteverdi, Bach, Mozart und Brahms genannt werden. Sein Orgelœuvre stellt einen Meilenstein im 20. Jahrhundert dar. In seinem umfangreichen und inspirierenden Werk finden sich Einflüsse aus Impressionismus, Gregorianik, griechischer und indischer Metrik, Vogelgesang und avantgardistischen Klang-Zeit-Konzepten. In den dreißiger Jahren entwickelte er ein vielseitig nutzbares System verschiedener Modi, die eine farbenreiche Polyharmonik ermöglichen. Er gab entscheidende Impulse für den Serialismus und war als langjähriger Kompositionsprofessor am Pariser Conservatoire National einflussreicher Lehrer mehrerer Komponistengenerationen. Beilschmidt macht den Kosmos der Messiaenschen Orgelmusik an der Jehmlich-Orgel der Leipziger Universität erlebbar, der sicher das bedeutendste Konzept aktueller geistlicher Musik im 20. Jahrhundert darstellt.

 

Konzert I. L’Ascension, Dyptique, Le banquet céleste, Apparition de l’église eternelle

Konzert II. La Nativité

Konzert III. Les corps glorieux

Konzert IV. Messe de la Pentecote, Verset pour la Dedicace

Konzert V. Livre d’orgue, Monodie

Konzert VII. Méditations sur le Mystère de la Sainte Trinité

Konzert VIII. Livre du Saint Sacrement

 

Aus Anlass des 30. Todestages von John Cage führt Universitätsorganist Daniel Beilschmidt das gesamte Orgelwerk des US-amerikanischen Komponisten John Cage an den Orgeln des Paulinums der Universität Leipzig auf.

Mit seinem Konzept einer offenen, Zufallsprozesse und Geräusche einbeziehenden Musikästhetik brachte der in Kalifornien geborene und später in New York lebende Komponist das klassische Musikverständnis ordentlich in Bewegung. Beeinflusst von Ideen des Zen-Buddhismus oder des Dadaismus entwickelte er nicht nur einen offenen Werkbegriff, sondern schuf in seinen Stücken Situationen, in denen ästhetische Wertungen (schön – hässlich) aufgehoben werden. Klang, Geräusch, Stille, Dissonanz und Konsonanz stehen gleichwertig nebeneinander.

In seinem Spätwerk schuf er eine lange Reihe von sogenannten Number Pieces, in denen im Titel lediglich die Anzahl der Ausführenden angegeben ist. Er arbeitete mit dem Tänzer Merce Cunningham, Marcel Duchamp, Yoko Ono oder John Lennon zusammen. Auf dem Gebiet der Mykologie (Pilzkunde) entwickelte sich der humorvolle Künstler zu einer international beachteten Autorität.

Dass sich Cage auch mit der Orgel beschäftigte, ist vielen kaum bekannt. Das von der American Guild of Organist (AGO) 1983 beauftragte Stück „Souvenir“ sollte sich nach Wunsch der Auftraggeber etwa am Klavierstück „Dream“ von 1948 orientieren. Darum sind beide Stücke nebeneinander zu hören. Souvenir weicht deutlich von der Ästhetik des Cage’schen Spätwerks der 1980er Jahre ab. Das spätestens seit der auf 639 Jahre angelegten Klanginstallation in der Halberstädter St.-Buchardi-Kirche international für Aufsehen sorgende Orgelstück Organ²/ASLSP (As slow as possible) bildet den Spätstil von Cage wunderbar ab: lange, liegende Klangflächen, unterbrochen von Momenten der Stille. Die acht Sätze des Werkes folgen aufeinander, worauf einer der Sätze an beliebiger Stelle im Zyklus wiederholt werden kann.Mit Some of “The Harmony of Maine” kommt etwas Happening-artiges in die Gesamtaufführung. DasStück nimmt Bezug auf eine der frühen nordamerikanischen Musikquellen, eine Choralsammlung vonSupply Belcher in Maine/Massachusetts aus dem 18. Jahrhundert. Cage griff mit Zufallsoperationen in die Originalpartitur ein und nahm so Noten weg, verkürzte oder verlängerte sie. Während der Aufführung wird die solcherart entstehende schwebende Textur von kontinuierlichen Klangwechseln belebt. Diese Klangwechsel werden von sechs Registranten ausgeführt

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